Mit dem Bruttonationalglück zur großen Zufriedenheit?

Ein Wort, das für Fragezeichen sorgt

“Ich bin dafür, dass wir alle mal das Bruttoinlandsprodukt vergessen und stattdessen unser Bruttonationalglück maximieren!”, sagte eine meiner ältesten Freundinnen Anfang des Jahres zu mir. Ich verstand nur Bahnhof. Ich schätze, so geht es den meisten, die das Wort zum ersten Mal hören. Meine Freundin beschäftigt sich schon seit über einem Jahr mit dem Thema. Das erste mal war sie an der Alanus Hochschule damit in Kontakt gekommen, wo sie ihren Bachelor (BWL: Wirtschaft neu denken) gemacht hat. Sie und einige Kommilitonen sind seither Mitglieder einer Arbeitsgruppe verschiedenster Menschen aus ganz Deutschland, die sich für das Thema begeistern.

Als sie mir im Sommer anbot, an ihrem ersten im Rahmen der Arbeitsgruppe konzipierten Workshop zum Thema Bruttonationalglück teilzunehmen, sagte ich sofort zu – ich wollte endlich besser verstehen, an was sie so begeistert glaubte.

Glück für alle

Das Konzept des Bruttonationalglücks (engl.: Gross National Happiness) hat seine Wurzeln in einem kleinen Land namens Bhutan. Nicht ein maximales Wirtschaftswachstum, sondern das Glück der dortigen Bevölkerung ist das offizielle Staatsziel.

Bereits 1729 wurde im bhutanesischen Rechtskodex festgehalten: “If the government cannot create happiness for its people, then there is no purpose for government to exist.”

Das Konzept basiert auf vier Säulen und neun sich daraus ergebende Domänen, die alle gleichermaßen Aufschluss über Glück und Zufriedenheit der Staatsbürger geben. Aus ihnen setzt sich das letztendliche Bruttonationalglück zusammen, das im Bhutan in Form von Volksbefragungen mittels Fragebögen ermittelt wird (zuletzt im Mai 2015). Auf den Ergebnissen baut dann die Politik des Landes auf.

“If the government cannot create happiness for its people, then there is no purpose for government to exist.”
Rechtskodex des Bhutan
1729


Vier Säulen , neun Domänen

Wie oben bereits erwähnt beruht das gesamte Konzept auf vier großen Säulen.
Diese sind eine intakte Umwelt, gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen, eine sozial gerechte Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung und die Bewahrung und Förderung kultureller Werte.

Auf diesen vier Säulen beruhen die neun Domänen des Bruttonationalglücks. Jede Domän vereint wiederum mehrere Themenbereiche. Hinter den einzelnen Domänen habe ich euch immer einige Themenbereiche aufgelistet, die Einfluss auf die jeweiligen Domän nehmen:

  • Psychisches Wohlbefinden (Emotionen, Zufriedenheit, Spiritualität,..)
  • Zeitnutzung (Arbeit, Freizeit, Schlaf,..)
  • Gesundheit (physische und mentale Gesundheit, Wohlbefinden,..)
  • Bildung (Wissen, Qualifikationen, Werte,..)
  • Kulturelle Vielfalt (Sprache, handwerkliche Fähigkeiten,..)
  • Gute Regierungsführung (politische Partizipation, Freiheit,..)
  • Lebendigkeit der Gemeinschaft (soziale Unterstützung, Familie, Zugehörigkeit,..)
  • Ökologische Vielfalt und Resilienz (Flora & Fauna, Umweltverschmutzung,..)
  • Lebensstandard (Kapital, Unterkunft, Pro-Kopf-Einkommen,..)

Was ich so beeindruckend an dem Konzept finde, ist die Ganzheitlichkeit. Dadurch, dass wirklich alle 9 Bereiche exakt gleich gewichtet werden, läuft die bhutanesische Politik nicht (wie bei uns) Gefahr, sich ausschließlich auf eine Bevölkerungsgruppe oder Problemquelle zu konzentrieren. Begriffe wie Nachhaltigkeit spielen zwar eine wichtige Rolle, sind aber nicht alleinige Treiber für Entscheidungen und immer im Zusammenspiel mit den anderen Faktoren zu betrachten.

Wie kann ich das für mich nutzen?

So, nun fragt ihr euch vielleicht: Was bringt mir dieses Konzept jetzt? Wozu beschäftigt man sich mit einem so fremden Staatskonzept?

Nun, wir haben im Rahmen unseres Workshops viel über die einzelnen Domänen und die Bedeutung für den einzelnen Menschen sowie eine Gesellschaft gesprochen. Für mich ist klar: Auch ich lasse mich in diese neun Domänen aufteilen. Alle Bereiche, die der Bhutan als relevant erachtet, finde auch ich persönlich wichtig und bin davon überzeugt, dass kein Mensch auf Erfüllung in einem der Bereiche verzichten könnte. Ich denke, die Mehrheit der Menschen wird sich in ihrem Glück eingeschränkt fühlen, wenn sie sich nicht psychisch wohlfühlt; das Gefühl hat, keine politische Freiheit zu genießen oder keine Zugehörigkeit in irgendeiner Form verspürt.

So sollten wir also vielleicht mehr Bewusstsein für diese Bereiche entwickeln, und unser Leben verstärkt danach ausrichten. Wenn ihr das nächste Mal eine wichtige Entscheidung zu fällen habt, könntet ihr mal versuchen, sie anhand der neun Domänen zu bewerten. Welche Faktoren spielen bezogen auf die einzelnen Bereiche eures Lebens eine Rolle bei der Entscheidung?

Ich würde mich freuen, wenn ihr eure Erfahrungen mit mir teilt! Wenn euch das Thema interessiert und ihr Lust habt, euch tiefer damit auseinanderzusetzen, hier noch ein tolles Buch, das uns bei dem Workshop empfohlen wurde:

Dr. Ha Vin Tho: Grundrecht auf Glück

'Das Bruttosozialglück ist keine Utopie, sondern eine Chance für die ganze Welt', sagt Dr. Ha Vinh Tho, Leiter des Gross National Happiness Center in Bhutan. Auf UN-Ebene ist der kleine Himalayastaat beauftragt, weltweite Lösungen für ein gesundes Wirtschaften zu erarbeiten. Im Buch wird erklärt, wie das Bruttonationalglück funktioniert, was glückliche Menschen auszeichnet, wie sie ihr Miteinander gestalten und welche Relevanz sich daraus für unsere Gesellschaft ergibt.

Ich freue mich, dass du meinen Beitrag gelesen hast. Hinterlass mir gerne einen Kommentar, wenn er dir gefallen hat. Ich freue mich über jede Art von Feedback!

1 Kommentar

  • Wieder sehr schön geschrieben kleine Löwin :*
    Wirklich gut zusammengefasst und interessant zu lesen 🙂

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