Die Fair-Trade Elite

Oder: Weshalb wir trotz nachhaltigem Denken noch so viel Schaden anrichten

Gerade sitze ich in der Nähe von Phoenix, Arizona und schreibe diesen Text. Und genau das ist schon ein Teil des Problems, das ich euch heute vorstellen möchte.

Eigentlich sind sich in meinem persönlichen Umfeld alle einig: wir achten auf unsere Umwelt. Wir machen uns Gedanken über Mitmenschen, wir essen kein Fleisch oder wenn, dann nur selten und niemals aus dem Kühlregal, wir spenden vielleicht noch ein paar Euro monatlich an eine gemeinnützige Organisation und vermeiden es, aus Plastikstrohhalmen zu trinken. Man könnte meinen, unser Fußabdruck sei deutlich geringer als der der Menschen, die sich über all das keine Gedanken machen. 

Erwiesenermaßen steigt die Bereitschaft, ökologisch sinnvolle Produkte (wie Bio-Lebensmittel) zu kaufen mit dem Einkommen. Wenn wir das Gefühl haben, uns bewusst für einen teureren, aber nachhaltigeren Lebensstil entscheiden zu können, dann gehören wir daher bereits zu den Menschen, die sich sehr glücklich schätzen dürfen. In vielen Ländern der Welt fällt es den Menschen nämlich noch immer sehr schwer, überhaupt ihre Grundbedürfnisse zu decken. Oft sind es aber genau diese Menschen, die sich über ihren persönlichen Fußabdruck gar keine Gedanken machen können, die uns meilenweit voraus sind.

Weshalb wir selbst das Problem sind

Wie oft habe ich schon von Leuten, die z.B. aus einem Asienurlaub zurückkommen, folgenden Satz gehört “Die werfen ihren Müll einfach an den Strand. Kein Wunder, dass unsere Ozeane voller Plastik sind.”
Dabei liegen diese Menschen in Sachen ökologischer Fußabdruck mit großem Abstand hinter uns.

Der ökologische Fußabdruck pro Kopf berechnet sich aus dem gesamten ökologischen Fußabdruck einer Nation dividiert durch ihre Einwohner. Um innerhalb der Grenzen unseres Planeten zu leben, müsste jeder Mensch auf dieser Welt unter einer Grenze von 1,7 globalen Hektar bleiben – das ist die Fläche der verfügbaren Biokapazität an Ressourcen, die jedem von uns statistisch gesehen zustehen würde. Würde alle Welt so wie wir in Deutschland leben (Pro-Kop Fußabdruck von 5,0), bräuchten wir demnach fast 3 Planeten. Wieso schaffen es gerade Indonesien und Bangladesh, unter der Grenze zu bleiben? Die Antwort ist einfach: Weil sie viel zu arm sind, sich den Konsum zu leisten, der so schädlich für unsere Ressourcen ist! Die Leute dort haben kein Geld für riesige Wohnungen oder Häuser, die sie mit viel Strom versorgen müssen, sie können sich kein Auto, geschweige denn Flugreisen leisten und ernähren sich gezwungenermaßen regional und saisonal.

(In der Grafik habe ich nur einige Länder beispielhaft aufgegriffen, die mir interessant erschienen. Den kompletten Datensatz findet ihr hier.)

Einer weiterer Grund für unseren oft negativen Impact trotz großer Bemühungen ist der sogenannte Rebound-Effekt.
Von diesem Effekt spricht man, wenn eine im ersten Moment nachhaltig erscheinende Entwicklung auf einmal dafür sorgt, dass mehr Ressourcen verbraucht werden als zuvor. Ein klassisches Beispiel: Ich senke z.B. meine Stromkosten oder meinen Benzinverbrauch. Von dem Geld, das ich dadurch spare, finanziere ich meine nächste Flugreise.

Uns geht es doch allen oft so: Wir sparen uns die Plastiktüten beim Einkauf, aber bekommen auf unserem 12-Stunden-Flug nach Südostasien mindestens 15 Plastikbecher und -verpackungen an den Platz gebracht. Wir trinken Fair-Trade Kaffee mit Hafermilch aus unserem Thermosbecher, während wir ganz alleine im Auto auf dem Weg zur Arbeit sitzen. Wir reparieren stolz unseren Toaster anstatt ihn wegzuwerfen und kaufen uns ganz nebenbei das 3. Smartphone in 6 Jahren. Ich finde, der Begriff “Fair-Trade Elite” trifft diesen Lebensstil ganz gut.

Was können wir tun?

Bequemlichkeit hat in unserer Kultur in vielen Belangen Vorrang. Und ich habe auch irgendwo Verständnis dafür, dass man nicht auf Dinge verzichten möchte, die einem so selbstverständlich erscheinen. Unsere Wirtschaft lebt nun mal von dem Gefühl in uns, das uns erklärt, es wäre normal, 6 mal im Jahr in den Urlaub zu fliegen und unsere Milch wegzuwerfen, wenn sie das Ablaufdatum überschritten hat. Man kann ja schnell mit dem Auto zum Discounter fahren und neue kaufen. Aber für mich ist es an der Zeit, wieder bewusster mit unseren Möglichkeiten umzugehen. Klar, auch ich sitze gerade im Phoenix und es ist offensichtlich, wie ich hier hergekommen bin. Mein Ziel ist es aber beispielsweise, diese Flugreise zu kompensieren und das restliche Jahr mit dem Zug zu verreisen. Eine sehr wichtige Frage ist für mich außerdem mittlerweile “brauche ich das wirklich?” geworden.

Wir können wirklich viele Dinge tun, um unseren persönlichen Fußabdruck wieder zu verringern, ohne dabei das Gefühl zu haben, dass wir auf etwas verzichten. Deshalb habe ich Euch einige Tipps zusammengestellt, wie ihr in durch kleine Änderungen bereits eine große Wirkung erzielen könnt (die größte Wirkung erzielt ihr meist dennoch schlichtweg mit reduziertem Konsum)!
Am meisten Einfluss auf das Klima haben unsere Entscheidungen in den Bereichen Ernährung, Konsum, Fortbewegung und Energieverbrauch.

Ich freue mich, dass du meinen Beitrag gelesen hast. Hinterlass mir gerne einen Kommentar, wenn er dir gefallen hat. Ich freue mich über jede Art von Feedback!

4 Kommentare

  • Hallo Hannah, ich habe deinen Blog gerade via Instagram entdeckt und fand diesen Beitrag sehr gut geschrieben. Ich denke auch, dass ein Überkonsum an (nachhaltigen) Produkten etc. nicht ökologisch sein kann. Ich blogge auch seit 2016 über Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Und ich bin aus Wiesbaden 😁. Das ist ja nicht so weit weg von Frankfurt. Liebe Grüße, Anja

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