Unzufriedenheit am Arbeitsplatz

Oder: weshalb ich meinen Job kündigte

In letzter Zeit hatte ich oft viel zu tun. Ich versuche, mein Masterstudium in Regelstudienzeit abzuschließen, arbeite nebenbei 15 Std. pro Woche als Werkstudentin und gehe zusätzlich zweimal wöchentlich morgens mit dem Hund einer berufstätigen Bekannten spazieren. Mitte Mai habe ich außerdem zusammen mit etwa 15 anderen Studierenden die NachDenkstatt, eine Konferenz zu Zukunfts- und Nachhaltigkeitsthemen veranstaltet. 

Oft kam es mir in den letzten Wochen und Monaten daher so vor, als müsste ich mir meine Zeit sehr bewusst einteilen. Wenn ich dann bei der Arbeit saß, ohne mich dort so richtig ausgelastet und gebraucht zu fühlen, überkam mich oft ein starkes Gefühl der Unzufriedenheit. Ich habe mich daher vermehrt mit der Frage beschäftigt, was mich an einer Beschäftigung eigentlich zufrieden macht. Möchte ich einfach nur meine Zeit gegen Geld tauschen, oder worum geht es mir beim Arbeiten? Möchte ich einen Beruf haben, oder meine Berufung leben?

Arbeitszeit ist Lebenszeit

Studien belegen, dass etwa zwei Drittel aller Angestellten unzufrieden mit ihrem Job sind. Das finde ich eine enorme Anzahl, wenn man sich mal folgendes überlegt: Ein*e durchschnittlicher Arbeitnehmer*in verbringt im Schnitt etwa 1600 Stunden im Jahr an seinem/ihrem Arbeitsplatz. Hochgerechnet auf die durchschnittliche Anzahl der erwerbstätigen Jahre eines Menschen ergibt das eine Summe von über 55.000 Stunden! Nun stellt euch vor, wie viel Zeit auf dieser Welt verloren geht, wenn nur jede*r Dritte von uns zufrieden mit seinem Job ist.

Was steckt hinter der Unzufriedenheit von Mitarbeiter*innen?

Doch in wessen Verantwortung liegt es eigentlich, uns einen zufriedenstellenden Arbeitsalltag zu bescheren? Müssen Unternehmen ihre Mitarbeiterführung überdenken oder sollten wir uns schlichtweg selbst mehr für unser Glück im Job einsetzen? Ich denke beides.

Auf der einen Seite führt dieses ständige Streben nach noch mehr Rendite, das in unserer Wirtschaft nun einmal vorherrscht, in den wenigsten Fällen dazu, dass es allen Beteiligten gut geht. Viele Unternehmensstrategien basieren zwar auf sorgfältig ausgearbeiteten Leitbildern, die tolle Werte definieren, orientieren sich in der Praxis aber doch hauptsächlich an einem Wert: dem monetären Wachstum. Noch ist das steigende Bewusstsein für Wohlbefinden, das besonders in jüngeren Generationen zu finden ist, nicht ausreichend in den Personalabteilungen angekommen. Das Thema Work-Life-Balance findet zwar zunehmend Gehör, wird allerdings in den wenigsten Firmen wirklich ernst genommen. Häufig sind es besonders ältere Generationen, die davon nichts wissen wollen: als sie selbst jünger waren, haben sie ja schließlich auch alles andere vernachlässigt, um ihr Unternehmen voranzubringen. Der wichtigste Schritt jedes Personalmanagements sollte es meiner Meinung nach sein, herauszufinden, was die Menschen in einem Unternehmen glücklich, aber auch unglücklich macht und gezielt nach der Zufriedenheit der Mitarbeiter*innen zu streben. Denn: die Chance, dass ein*e Mitarbeiter*in das Unternehmen verlässt, verdoppelt sich bei Unzufriedenheit!

Was können wir tun?

Bequemlichkeit hat leider auch in der Arbeitswelt häufig Vorrang. Daher ändern die wenigsten Angestellten etwas an ihrer eingefahrenen Lage. Wenn der Leidensdruck dennoch zu groß wird, könnt ihr versuchen, euch drei Dinge zu fragen: 

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  • Gibt es einen Weg, meiner Arbeit (wieder) mehr Sinn zu geben? Wie kann ich mehr Beitrag zum großen Ganzen leisten?
  • Wie kann ich die Kommunikation mit meinen Kolleg*innen oder Führungskräften verbessern? Gibt es etwas, das ich offen aussprechen sollte, um allen die Möglichkeit zu geben etwas zu verändern? (Wenn ihr euch in einer Führungsposition befindet, schaut euch hierzu unbedingt mal das Buch "Dare to Lead" von Brené Brown an)
  • Was hält mich an meinem Arbeitsplatz? Was müsste noch passieren, damit ich die Konsequenzen aus meiner Unzufriedenheit ziehe?

Warum habe ich gekündigt?

Beim Schreiben dieses Artikels habe ich mich gefragt, woran es eigentlich genau liegt, dass ich den Spaß an meiner Tätigkeit verloren habe. Verantwortlich dafür sind wahrscheinlich diese drei Punkte:

  • Ich fühle mich von meinem Arbeitgeber nicht gebraucht: Immer öfter kommt es vor, dass ich auf die Nachfrage, was ich als nächstes tun kann, in ratlose Gesichter blicke. Meine Kollegen überlegen sich dann oft Aufgaben für mich, die weder besonders relevant, noch zeitkritisch sind (z.B. „Recherchier doch mal zu…“). Ich kann mir für die Aufgaben so viel Zeit nehmen wie ich möchte, ohne dass zwischendurch jemand nachfragt, wie weit ich gekommen bin oder wie lange ich noch brauche. Das mag zunächst nach einem entspannten Job klingen, den ich auch ohne Zweifel gern hin und wieder erledige. Doch mir persönlich fehlt am Ende des Tages oft das Gefühl, wirklich etwas beigetragen zu haben.
  • Meine Tätigkeit verliert immer mehr an Abwechslung: In den letzten zwei Monaten waren fast alle meine Aufträge entweder Folien zu gestalten bzw. zu überarbeiten, oder zu verschiedenen Themen zu recherchieren. Klar, auch solche Dinge gehört zu einem Werkstudentenjob! Doch wenn ich eines von beidem wieder mal für 8-9 Std. am Stück gemacht habe, gehe ich meist besonders unglücklich nach Hause. Wenn die Thematik mich nun brennend interessieren würde, wäre es sicher etwas anderes. Aber ich arbeite in der Energiebranche und recherchiere oft zu sehr technischen, spezifischen Themen.
  • Meine Opportunitätskosten sind riesig: Wenn ich nicht bei der Arbeit wäre, könnte ich mir diese Stunden für Uni, Orga, Freunde oder für mich selbst nehmen. Meine sogenannten Opportunitätskosten steigen mit jeder Tätigkeit, die ich gerne ausüben würde, anstatt unzufrieden bei der Arbeit an meinem Schreibtisch zu sitzen. Derzeit sind das so viele, dass diese Kosten den Lohn, das ich hier für meine Arbeit bekomme, übersteigen. Dazu kommt, dass mich jeder Arbeitstag zusätzlich mehr als eine Stunde für die Hin- und Rückfahrt kostet.

Die Konsequenzen ziehen

Die einzig richtige Entscheidung war es für mich, meinen Job zu kündigen. Ich bin stolz, diesen Schritt gewagt zu haben. Es hat mich viel Überwindung und unzählige Gespräche mit Freunden und mir selbst gekostet.
Wenn es mir schon mit einem Werkstudentenjob so geht, wie muss es dann erst jemandem gehen, der tagtäglich einen Job ausübt, der ihn/sie nicht erfüllt? Ich kann an dieser Stelle nur JEDE*N ermutigen: Wenn ihr seit Wochen, Monaten oder Jahren darüber nachdenkt, euren Job zu kündigen, dann ändert etwas! 
Wie sagt Laura Seiler oft so schön: Love it, leave it or change it! Zieht die entsprechenden Konsequenzen und seid es euch selbst wert, die Bequemlichkeit mal hinten anzustellen. Und auch, wenn das erstmal den Sprung ins kalte Wasser bedeutet: vertraut auf euren Weg und darauf, dass sich neue Chancen und Möglichkeiten für euch ergeben werden. Oder möchtet ihr am Ende eures Lebens womöglich 55.000 kostbare Stunden für ein bisschen Geld verschenkt haben?
 
Ich bin davon überzeugt, dass jede*r, der/die für sich selbst und seine/ihre Zufriedenheit einsteht, auch früher oder später dafür belohnt wird. Ich zum Beispiel habe nur einige Tage nach meiner Kündigung eine sehr interessante Stellenausschreibung entdeckt, die sich nach mehr Inhalt, weniger Stunden und weniger Fahrtzeit anhörte und saß, wie das Schicksal es wollte, bereits einen Tag später zufällig mit der Zuständigen für diese Stelle an einem Tisch!

 

Meine Vision

Meine Vision ist es, der Unzufriedenheit an den Schreibtischen dieser Welt auf Dauer den Kampf anzusagen. Denn wer will schon den Großteil dieses Lebens an einem Ort verbringen, an dem er/sie sich wünscht, seine/ihre Lebenszeit ginge schneller vorbei? 

Ich werde in Zukunft mehr zum Thema Corporate Happiness lesen, recherchieren und berichten. Wenn ihr dazu coole Bücher, Dokus oder inspirierende Menschen kennt, freue ich mich unglaublich auf den Austausch mit euch!

Ich freue mich, dass du meinen Beitrag gelesen hast. Hinterlass mir gerne einen Kommentar, wenn er dir gefallen hat. Ich freue mich über jede Art von Feedback!

 

1 Kommentar

  • Liebe Hannah,
    herzlichen Glückwunsch zu deiner neuen Stelle. Was machst du jetzt?

    Ich finde es großartig, dass du dem Ruf deines Herzens vertraut hast.
    Es gehört auch immer eine mittelgroße Menge Mut dazu, den sicheren Hafen zu verlassen und in die Welt hinaus zu segeln.
    Ich wünsche dir viele schöne Erlebnisse und viele neue Entdeckungen dabei.
    Und wenn du jetzt ein paar Stunden am Tag zur Verfügung hast und dein grünes Business starten willst, sag Bescheid.
    Herzlichst,
    Astrid

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