#Ecoanxiety und #Klimaangst: Wenn der Klimawandel uns ängstlich, traurig und wütend macht

/ November 13, 2020/ Happiness, Live Green

In den letzten zwei Jahren durfte ich vieles am eigenen Leib erleben, was neudeutsch unter Klimaangst (englisch: Eco Anxiety) fällt. In diesem Beitrag möchte ich einige Gedanken zum Thema Klimawandel und Psyche mit dir teilen.

Ich weiß gar nicht mehr genau, wann ich zum ersten Mal von Klimaangst oder Ecoanxiety gehört habe. Es war wohl zu Beginn meines Masterstudiums. Der Studiengang “Sustainability Economics & Management” hat mich nach dem trockenen BWL Studium zwar voll und ganz abgeholt und mir täglich das Gefühl verschafft, das richtige zu lernen. Aber er hat mich auch in eine Blase ökologisch und ethisch gesehen sehr “vorbildlicher” junger Menschen katapultiert. Teil dieser Blase zu sein kann herausfordernd, aber auch sehr angenehm sein. Herausfordernd, weil ich mich durch all meine inspirierenden und engagierten Kommiliton*innen täglich neu hinterfragen und noch mehr mit meinen Grundwerten auseinander setzen durfte. Sehr angenehm, weil es mir in dieser heilen Welt viel leichter fiel, positiv in die Zukunft zu blicken.

Klimaangst betrifft uns alle

Irgendwann las ich einen Beitrag von Jan Lenarz, dem Co-Founder von “Ein guter Plan” auf Instagram. Er umschrieb für mich zum ersten Mal dieses Gefühl, das ich schon lange kenne und nannte es Klimaangst. Außerdem erklärte er, dass er ein Buch mit dem Titel “Klima-Angst: Leitfaden für eine gesunde Psyche auf einer kranken Erde” schreiben möchte. Für Menschen mit Klimaangst. Menschen wie mich. Seitdem folge ich seinem Weg und lerne immer mehr über die Belastung, die mit dem Klimawandel eigentlich auf uns liegt. Die Statements, die er auf seinem Kanal veröffentlicht, enthalten in meinen Augen total viel Wahrheit. Seit diesem Zeitpunkt ist mir klar:

Ich habe Klimaangst. Nicht nur das: Ich fühle auch Klimawut. Ich habe fast täglich mit Klimatrauer zu kämpfen. Und dieser Zustand kann ein echter Stressfaktor sein.

Hast du schon mal in einer WG gelebt?
Wie hat es sich für dich angefühlt, wenn du ständig der*diejenige warst, der*die den Müll runtergebracht hast? Warst du sauer? Traurig? Hat sich in dir eine unterschwellige Wut auf deine*n Mitbewohner*innen aufgebaut?
Ich vergleiche unseren Planeten gerne mit dieser WG. Auch im Großen müssen uns miteinander arrangieren. Und es kann nicht sein, dass ein großer Teil der Gesellschaft immer mit dem Dreck eines kleinen Teils leben oder diesen beseitigen muss. Und es kann auch nicht sein, dass dieser kleinere Teil der Planeten-WG dann auch noch immer den Kühlschrank leer macht. Der Unterschied ist natürlich, dass wir alle keinen Mietvertrag unterschrieben haben. und das ist in meinen Augen das Problem daran. Denn mit Aussagen wie “es ist mein Leben, und ich kann entscheiden, ob ich mich umweltfreundlich verhalten will, oder nicht” haben unsere Mitbewohner*innen natürlich grundlegend recht.

Vielleicht kannst du dich anhand des WG Beispiels schon irgendwie wiederfinden oder zumindest das nachfühlen, was ich zu beschreiben versuche. Wie sich diese psychischen Folgen des Klimawandels ansonsten so äußern? Bei mir persönlich zum Beispiel so:

  • Wenn ich Berichte über Naturkatastrophen, neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft oder Schicksale von Menschen lese, die durch den Klimawandel verursacht sind, bekomme ich oft große Angst vor der Zukunft und sorge mich um mich, meine Mitmenschen und eventuelle Nachkommen
  • Wenn ich Berichte, Fotos und/oder Videos von ausgebeuteten oder im Stich gelassenen Menschen (zB aus armen Ländern, die den Klimawandel schon sehr viel extremer spüren, als wir oder ganz aktuell zB in Moria) oder Tieren (die für ein paar Minuten menschlichen Genuss jahrelang leiden und letztlich sterben) sehe, werde ich oft unglaublich traurig und kann diese Trauer kaum aushalten, sodass ich sie verdrängen muss, um nicht daran zu zerbrechen. Diese Form des Leidens nennt man auch Weltschmerz.
  • Wenn mir (eigentlich sehr empathische) Menschen von ihrem neuen H&M-Kauf, der 10. Amazon Bestellung in diesem Monat oder ihrem Schnitzel von gestern erzählen, entfacht das oft eine Kombination aus Trauer & Wut in mir, die sich durch Herzklopfen, Bauchschmerzen oder Übelkeit äußert. Ich sage dann zwar meist nichts, da ich in dem Moment viel zu aufgeladen bin und Blamen und Shamen nicht mein Weg sind, aber ich denke oft noch tagelang darüber nach, wie ich den Personen auf nette, verständnisvolle Art und Weise von meinen Gedanken berichten könnte. Meist lasse ich es.
  • Wenn ich auf meinem Fahrrad durch die Stadt fahre und mal wieder die ganzen SUVs an mir vorbeifahren sehe, überkommen mich oft ganz starke Gefühle von Hoffnungslosigkeit, weil ich genau weiß, dass die Menschen, die sich diese Autos leisten können, den größten Unterschied machen könnten, aber ein konsequentes Umweltbewusstsein vielleicht nicht in ihr Verständnis von Erfolg und Lifestyle passt
  • Wenn ich von politischen Entscheidungen (oder auch nicht-Entscheidungen), und (in meinen Augen) Fehleinschätzungen einer sowas von korrupten Umweltministerin erfahre, merke ich, dass ich innerlich Schuldzuweisungen mache und mich hilflos fühle
  • Oft fühle ich mich tief im innern verantwortlich dafür, diese Gefühle auszuhalten, und nicht zu verdrängen, wie es ein Großteil der Gesellschaft leider tut. Ich sage mir dann, dass ich nichts an dem Verhalten anderer kritisieren kann, wenn ich selbst wegschaue. Und bilde mir ein, durch mein Masterstudium eine Vorbildfunktion zu haben. So nach dem Motto “Wenn ich diesen Schmerz jetzt nicht fühlen kann, haben ja alle anderen erst recht eine gute Ausrede, das auch nicht zu können.” Das Fazit daraus habe ich erst in den letzten Tagen wirklich selbst verstanden: Ich zwinge mich aus diesem Grund manchmal zum Unglücklichsein.

Na, hast du dich irgendwo wiedererkannt? Schreib mir gern, wenn du dich darüber austauschen magst. Mittlerweile erkenne ich all diese Symptome immer bewusster an mir und befasse mich auch mit Auslösern und Möglichkeiten. Für die NachDenkstatt, eine studentischen Konferenz zu Zukunfts- und Nachhaltigkeitsthemen in Oldenburg, wollte ich auch einen Workshop zu dem Thema konzipieren. Ich wollte Teilnehmenden 3 Tage Zeit geben, sich mit ihren Gefühlen und Gedanken zu dem Thema auseinanderzusetzen. Mit ihnen in den Austausch gehen. Und gemeinsam kleine Strategien entwickeln, wie wir den kollektiven Weltschmerz in Aktivismus verwandeln und einen Unterschied machen können. Ich wollte Expert*innen aus dem Bereich der Umweltpsychologie, ein Mitglied von Psychologists for Future und Jan Lenarz persönlich einladen. Aber (du kannst es dir vielleicht schon denken): dank Corona wurde der Workshop leider abgesagt.

Ich will das Thema aber nicht ruhen lassen. Und so entschied ich, meine Masterarbeit darüber zu schreiben. Zum Glück habe ich eine Betreuerin gefunden, die das Thema genauso spannend findet. Und nun schreibe ich gerade meine Masterarbeit zu den psychischen Folgen des Klimawandels. Konkret schaue ich mir an, wie viele Studierende in Deutschland davon betroffen sind, und ob Variablen wie der Studiengang, Naturverbundenheit, die eigene psychische Widerstandskraft, soziale Unterstützung, das Geschlecht oder die Herkunft einen Einfluss darauf haben, wie stark die Symptome ausgeprägt sind.

Wie es mit uns und dem Weltschmerz weitergeht

Ob man es nun Weltschmerz, Klimaangst oder Eco-Anxiety nennt: das Phänomen hinter diesen Begriffen ist ernstzunehmen. Und ich bin mir sicher, das Thema wird nicht nur mich noch lange Zeit begleiten. Dieser Artikel ist erst der Anfang, denn ich bin mir darüber bewusst, dass er noch keine konkreten Lösungsansätze beinhaltet. Aber ich hoffe, es hilft dir im ersten Schritt einfach zu wissen, dass du mit deinem Schmerz nicht allein bist.

Ich habe mir deshalb überlegt, im Anschluss an die Masterarbeit eine kleine Zusammenfassung im eher nicht-wissenschaftlichen Stil für dich zu erstellen, vielleicht auch mit kleinen Übungen und Inspirationen, die in den ganz akuten Momenten helfen oder dich auf längere Sicht psychisch widerstandsfähiger machen können. Das Thema wird sicherlich in den nächsten Jahren noch mehr an Bedeutung gewinnen und ich finde die Überschneidung der beiden Bereiche Umwelt & Psychologie einfach wahnsinnig spannend.

Gerade bei diesem super individuellen Thema interessiert mich deshalb auch deine Meinung sehr. Wenn du Lust auf Austausch hast, würde mich sehr über einen Kommentar oder eine Nachricht freuen. Folg mir auch gern auf Instagram, wo ich immer mal wieder über das Thema spreche. Auch, falls du dich von meinem geplanten Workshop angesprochen fühlst: es wird ihn definitiv eines Tages noch geben! Sei es in Oldenburg, in Berlin oder sonst irgendwo. Vielleicht sehen wir uns dann.

Bis dahin wünsche ich dir für all deine aktuellen Herausforderungen ganz viel Kraft – du bist nicht allein!

Deine Hannah

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